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Mittwoch, 31. August 2011

London


London, 1666. Schwerer Rauch liegt in der Luft. Der Geruch von verbranntem Holz. Die Menschen der Altstadt stehen fassungslos vor dem, was „der große Brand von London“ noch von ihrem Viertel übrig gelassen hat: verkohlte Trümmer. Und das alles nur, weil in Bäcker in der Pudding Lane vergessen hat, seinen scheiß Backofen auszumachen...

Das ist die Ausgangslage von „London“, dem neuen Spiel von Martin Wallace. Die halbe Stadt ist nur noch ein vor sich hin dampfender Haufen Kohle und hilfebereite Lords – wir Spieler – stehen bereit, um unsere geliebte Hauptstadt wieder aufzubauen. Natürlich nicht für Umme, (so weit geht die Hilfsbereitschaft dann doch nicht) sondern für Siegpunkte.

Es geht IMMER um Siegpunkte, also sag mal langsam, wie das Spiel geht.

Ja, ja, ja... „London“ ist streng genommen ein Kartenspiel mit einem Brett dabei.  Auf dem befindet sich die Kartenablage und eine Übersicht von London und seinen Bezirken. In die kann  man sich einkaufen (was einem Siegpunkte und andere Vorteile bringt), auf denen lässt sich die „London Underground“ bauen (was auch Siegpunkte bringt)  und und und... man sollte hier schon sagen: Bezirke zu haben ist WICHTIG!!! Aber im Grunde ist bei diesen Spiel alles wichtig...

Aber bevor man sich Bezirke in Massen leisten kann, braucht man natürlich Geld. Das generiert man mit den Karten, die größtenteils verschiedene Gebäude zeigen. Diese Karten/Gebäude kann ich bauen – also vor mich hinlegen. Das ist eine Aktion, die ich machen kann. Des Weiteren kann ich Folgendes machen:

-          Karten ziehen (entweder vom Stapel oder der offenen Auslage)
-          Einen Bezirk kaufen
-          Meine Stadt regieren 

Gebäude gibt es in verschiedenen Farben und will ich so eine Karte vor mich hinlegen – bauen -, muss ich eine andere Karte mit der gleichen Farbe quasi als Baukosten in die Kartenablage legen – und eventuell noch ein paar Pfund an die Bank abdrücken.

Das kann ich so oft machen, wie ich will – und die passenden Karten und das Kleingeld habe. Auf diese Weise entstehen vor einem im Laufe des Spiels Stapel – denn ich kann Karten auch einfach überbauen, wenn ich keinen nutzen mehr durch sie habe.

„Das klingt aber simpel. Dann bau ich doch einfach so viele Gebäude, wie geht... wo ist das Problem?“ werden sich jetzt einige fragen. Das Problem ist, dass viele Gebäude vor einem vielleicht viel Geld bringen – aber einen auch gleichzeitig arm machen können. Klingt erst mal bescheuert, geht aber so:

Will ich meine Stadt regieren - also die Fähigkeiten der vor mir liegenden Karten nutzen - muss ich dafür bei manchen Gebäuden Karten bezahlen, bei manchen Geld und bei manchen geht das einfach so. Die meisten Karten muss ich danach umdrehen und kann sie nicht wieder benutzen (kann dann aber ohne schlechtes Gewissen auf diesen Stapel ein neues Gebäude bauen).

Hab ich meine Stadt regiert, schlägt mir die pockenbewehrte Faust der Armut ins Gesicht. Jetzt muss ich zählen: wie viele Stapel habe ich vor mir liegen (ob da eine offene oder verdeckte Karte oben auf liegt spielt keine Rolle)? Plus: wie viele Handkarten hab ich noch? Minus: wie viele Bezirke besitze ich? Gleich: die Anzahl der Armutsklötzchen, die ich mir nehmen muss.

Die sind in schön deprimierendem schwarz gehalten und sind zum Kotzen, denn sie können einem zum Schluss des Spieles den vermeintlichen Sieg noch richtig verhageln. Am benannten Schluss wird geschaut, wer die wenigsten Armutsklötzchen hat. Der Spieler kann sich glücklich schätzen und alle seine Klötzchen abgeben. Alle anderen Spieler dürfen jetzt genau so viele Klötzchen abgeben. Und das, was sie dann noch übrig haben, bringt Minuspunkte.  Wenige Klötzchen haben geht noch... aber je mehr Armut man hat, desto schlimmer der Punktabzug.

Und hier liegt der große Knackpunkt bei „London“: das ständige Abschätzen, wann ich meine Stadt regiere – also die Fähigkeiten meiner Karten nutze – und wann ich es lieber lassen sollte. Denn Geld bekommt man nur durch die Karten und nur mit Geld lassen sich Bezirke kaufen, die der Armut entgegen wirken. Viele Stapel vor sich aufzumachen – und damit auch viele Möglichkeiten haben, Karten zu spielen und Geld/Siegpunkte zu bekommen – kann sinnvoll sein. Aber man wird diese Stapel nicht mehr los. Einmal aufgemacht, bleiben sie da und zählen bei jedem Regieren brutal einen Armutspunkt.

Aber Moment... wenn es da um Karten geht... kann man doch richtig Pech haben und nie die Richtigen bekommen...

Sollte man meinen, ja. Und sicherlich ist das ein gewisses Glückselement bei „London“. Aber die Masse an Karten und damit auch die verschiedenen Fähigkeiten, wiegt das wieder auf.
Denn es gibt Karten, die es einem erlauben, Armutsklötzchen abzugeben. Oder Karten, die nichts können, außer massig Siegpunkte geben. 

Und vielleicht ist die Armut zum Schluss des Spiels auch gar nicht so schlimm. Liegt die Anzahl der Klötzchen zum Schluss bei allen Spielern einigermaßen gleich, fallen die Minuspunkte human aus. Sobald aber ein Spieler beginnt, auszureißen und im Laufe des Spiels massig Armut abzubauen... dann müssen sich die Anderen ran halten. Oder versuchen, ihre Armut zu kompensieren, indem sie siegpunktträchtige Gebäude bauen. 

Klingt irgendwie total schwer...

Ja, das mag vielleicht sein. Es handelt sich eben um ein typisches „Martin Wallace Spiel“. Die erste Partie ist zum Kennen lernen, ab der zweiten weiß man, was man tut.
Das Spiel selber kommt überraschend flüssig daher. Die Karten sind durch ihre einfache Symbolik irgendwann selbsterklärend und selbst, wenn sich mal ein Text auf der Karte befinden sollte (das Spiel ist auf Englisch, es liegt aber eine deutsche Übersetzung bei), ist er nicht übermäßig kompliziert. Nach ein paar Runden gibt es kaum noch Regelfragen...
... aber dafür immer konzentriertere Gesichter, wenn man langsam begreift, wie sehr verzahnt die Spielemechanismen sind.

Okay, es ist nicht schwer... aber taugt es was?

Antwort: ja. Unbedingt. Nach Partien zu zweit, dritt und viert herrscht folgende Meinung: 

Carmen: findet es spitze. Ist genau ihr Ding.
Andi: super Spiel. Gerne wieder.
Petra: Fand es gut, aber vielleicht ein bisschen zu unübersichtlich am Anfang.
Volker: findet es schrecklich. Er fühlt sich von „London“ eher gespielt und hat das Gefühl, nicht richtig in den Mechanismus eingreifen zu können.
Ulli: super. (Aber er liebt Martin Wallace und seine Spiele...)
Und die Meinung von den selten-Mitspielern: super.

Ich selber finde „London“ toll und kann jeden, der auf etwas anspruchsvollere Kartenspiele steht, den Kauf nur dringend anraten.
Der schon oben erwähnte verzahnte Mechanismus des Spiels gefällt mir sehr gut. Zum Beispiel, dass ich Karten, mit denen ich Gebäude oder Fähigkeiten bezahle, nicht einfach abwerfe, sondern in die offene Auslage lege – aus der sich die anderen Spieler bedienen können, wenn sie Karten nachziehen möchten. Führt dazu, dass man sich 4x überlegt, womit ich zahle. Man will ja den Konkurrenten nix schenken.

Oder die ständige Versuchung, noch einen Stapel aufzumachen. Allein schon, um seine Handkarten zu reduzieren, die einem ja auch Armutspunkte einbringen können. Auch, wenn ein neuer Stapel der Armut wieder die Hand reicht... und und und. Es ist ständig was los, man ist ständig unter Druck und muss tierisch aufpassen. Für meinen Geschmack sieht so ein gutes Spiel aus.

London
Von Martin Wallace
Treefrog Games
2-4 Spieler, ab 10 Jahre
45-90 Minuten
Rezension von: Christoph Schlewinski